Die traurige Geschichte des kleinen Sven Hollstein

1998 habe ich eine sehr starke Frau kennen gelernt. Hannelore, kurz Hanni genannt. Sie ist um einiges älter als ich, aber wir haben uns super verstanden und irgendwann erzählte sie mir, was mit ihrem kleinen Sohn passiert war. Ich weiss nicht ob ich nach all der Zeit etwas bezwecken kann, aber ich möchte öffentlich machen, wie grausam Menschen doch sein können. Es wird eine längere Geschichte werden, aber bitte nehmt euch die Zeit!!!

Es ist der 15. April 1985, 16:10 Uhr. Hanni wartet auf ihren Sohn Sven. Es klingelt, Sven steht in der Tür. Er kommt nie zu spät, ein zuverlässiger kleiner Kerl. Sven hat keinen Hunger, er möchte lieber nochmal auf den Bolzplatz um die Ecke. Er soll um 17 Uhr wieder zu Hause sein.

16:30 Uhr, Hanni geht kurz zur Nachbarin, möchte ihr etwas vorbei bringen. Die beiden quatschen sich fest. Kurz vor 17 Uhr verlässt Hanni deren Wohnung und steigt in den Aufzug...

Die Haustür muss offen gestanden haben. Ein Nachbar hatte gesehen, wie Sven in den Aufzug steigt. Der Junge fährt in den 13. Stock, er klingelt an der Wohnungstür. Niemand macht auf. Sicher ist, Sven war im Haus, aber er ist nicht hier, er muss das Haus wieder verlassen haben.

17 Uhr, Hanni sperrt die Wohnung auf, geht in die Küche und fängt an, Kartoffeln für das Abendessen zu schälen. Fünf nach fünf, zehn nach fünf, Hanni wird unruhig. Sie fängt an zu zittern, als sie zum Telefonhörer greift...

17:15 Uhr, sie ruft Bekannte an, die nicht weit von ihr wohnen. Sie ruft ihren Ex-Mann an, Svens Vater. Nichts!

Vielleicht spielt Sven ja noch im Hof. Hanni läuft zum Aufzug, rennt in den Hof. Nichts. Sie geht zum Bolzplatz, auch da ist er nicht mehr. Ein Junge sagt ihr, das er um viertel vor fünf gegangen ist, also war er ein paar Minuten vor fünf am Haus. Hanni rennt zurück.

17:45 Uhr, Hanni ruft die Polizei an.

Die Polizisten wollen sie vertrösten. Sie solle sich keine Sorgen machen, der Kleine sei bestimmt gleich zurück. Hanni wird heftig, sie weiss: Es ist etwas passiert. Eine viertel Stunde später steht ein Streifenwagen vor der Tür, eine halbe Stunde später macht die Polizei Lautsprecherdurchsagen im Viertel: "Wer hat Sven Hollstein gesehen? Er ist 1,10 cm groß, schmächtig und hat braune Augen..."

20 Uhr, die Polizei kreist bereits mit dem Hubschrauber über Ludwigshafen, durchkämmen mit Hunden den Stadtteil. Es wird dunkel, die Suche abgebrochen. Im Morgengrauen gehts weiter. Nichts.

Hanni klebt ein Bild von Sven auf ein Suchplakat, kopiert es hundertfach. Die Familie klebt die Plakate in ganz Ludwigshafen an die Hausmauern. Am Samstag darauf kam ein Anruf von einem Mann. Er habe Svens Bild gesehen, sich die Telefonnummer gemerkt und wolle helfen. Er möchte Suchplakate in seinem Stadtteil aufhängen. Hanni is dankbar. Am nächsten Tag kommt er vorbei. Ein freundlicher, dunkelblonder Mann, Mitte Zwanzig. Er nimmt einen Packen Plakate mit und verabschiedet sich. Abends fährt Hanni´s zweiter Mann durch dieses Stadtteil, er hatte ein komisches Gefühl bei dem Mann. Aber die Suchplakate hängen an Hausmauern und Bäumen.

Sven ist seit über 10 Tagen vermisst, es ist 15 Uhr. Das Telefon klingelt, Hanni zuckt zusammen. Jedesmal hofft sie aufs neue auf einen erlösenden Anruf. Hanni hebt ab: "Eine Million, dann sehen sie ihr Kind wieder." Sven lebt, denkt sie!!! Sie versucht ruhig zu bleiben: "Sie bekommen alles von mir, aber ich will meinen Sohn sprechen." "Jetzt nicht", meint er und das er sich um 20 Uhr wieder melden würde. Um 17 Uhr ist eine Fangschaltung installiert. Zwei Kripobeamte sind in der Wohnung. Hanni wartet ungeduldig auf den ersehnten Anruf.

20 Uhr, das Telefon klingelt. Sie hebt ab und fragt: "Mein Sohn, wo ist mein Sohn? Ich will mit meinem Sohn sprechen!" Stille...plötzlich ein Tuten im Hörer, er hat aufgelegt. Der Anruf kam aus einer Telefonzelle im Stadtteil Gartenstadt. Die Polizei fragt sie aus, ob sie jemanden in Gartenstadt kennen würde, Freunde, Verwandte oder Bekannte dort hätte. Am nächsten Tag erinnert sich ihre Schwägerin: "Da kam doch der Typ her, der dort die Plakate aufgehangen hat." Hanni hatte sich seinen Namen aufgeschrieben, sucht im Telefonbuch die Adresse raus und gibt sie der Kripo. Er wird am selben Tag in seiner Wohnung verhaftet und gesteht, den Jungen umgebracht zu haben. Er führt die Kripobeamten auf ein Feld, wo die Leiche vergraben sein soll. 50 Polizisten heben den Erboden aus und die ganze Zeit steht der vermeintliche Mörder von Sven am Feldrand und schaut zu. Plötzlich fängt er an zu lachen: "Da habe ich euch schön an der Nase rumgeführt." Der Mann ist ein Psychopath, der sich wichtig machen wollte. Aber immerhin, wenn keine Leiche gefunden wurde, musste Sven ja noch leben!!!

Ein Jahr nach dem Sven verschwunden ist, bringt Hanni eine Tochter zur Welt. Nadine gibt ihr das Gefühl, das Leben geht weiter, auch ohne Sven.

1991 wird von der Kripo ein Mann wegen Überfällen auf Joggerinnen vernommen. Wärend der Vernehmung kommt der Mann auf Sven zu sprechen. Von sich aus gesteht er den Mord an Sven Hollstein. Er führt die Kripo zu einer Reihenhaussiedlung. Zur damaligen Zeit waren dort Baugruben mit gemauerten Kellern gewesen. Er zeigte auf ein Reihenhaus, dort wäre Sven verscharrt. Er habe ihn angesprochen, Sven sei mitgegangen. Er habe ihn mißhandelt und als Sven zu schreien angefangen hatte, erwürgt. Danach hätte er ihn in eine Baugrube geworfen und mit Sand bedeckt. Die Kriop handelte sofort. Die Hausbesitzer wurden informiert, dass der Vorgarten aufgegraben werden müsste, da dort möglicherweise die Leiche eines 7jährigen Jungen liegen könnte. Abends ist für die Kripo klar, hier liegt keine Leiche. Luftaufnahmen von 1985 ergaben, dass die Siedlung zur Zeit von Svens Verschwinden noch gar nicht im Bau war. Der Täter behauptete nun, er habe sich in der Häuserzeile geirrt. Wieder kontaktieren die Beamten Hausbesitzer, wieder werden Vorgärten aufgegraben. Ein Bodenradar gerät wird eingesetzt, es schlägt aus, ein Leichenspürhund gibt Laute von sich. Aber keine Kinderleiche liegt in der Erde, ein Fehlalarm.>

Hanni muss sich das Geständnis auf Band anhören. Ein halbes Jahr später steht der Mann vor Gericht. Kurz vor der Verhandlung widerruft er sein Geständnis, wird in allen Punkten freigesprochen....

In den letzen Jahren hatte Hanni sich fast täglich zwingen müssen, durchzuhalten. Sie hat versucht, sich Mut zu machen: Mein Sohn lebt, irgendwo! Irgendwann wird er sich melden. Diese Hoffnung hat sie an manchen Tagen. Und dann gibt es diese anderen Tage: Sven ist tot, mach dir keine falschen Hoffnungen mehr!

Niemand weiss, was dem kleinen Sven zugestoßen ist. Alle Spuren verliefen im Sand...